No more fear – Ende der Angst? 07. bis 09. Oktober 2011

Erste cineastische Reflexionen der politischen Umbrüche in Nordafrika

First reflections of the political upheavals in North Africa in film

Premières réflexions cinématographiques sur les bouleversements politiques en Afrique du Nord

An einem Sonntag Ende Juni stürmte eine Hundertschaft islamistischer Schläger (Salafisten) das „Africart Theater“ im Zentrum von Tunis. Sie zerschmetterten die Glastüren und griffen BesucherInnen an, um die Vorführung eines aktuellen Dokumentarfilms von Nadia El Fani zu verhindern. In dem Film mit dem Titel Ni Allah, Ni Maître (frei übersetzt: „Kein Herr und kein Gott“) kritisiert die Regisseurin den wachsenden Einfluss islamischer Vorschriften im tunesischen Alltagsleben (vom Fastengebot im Ramadan über das Alkoholverbot für Muslime bis zur Diskriminierung von Frauen). Drei Monate vor und unmittelbar nach dem Sturz des tunesischen Diktators Ben Ali konfrontierte sie vor laufender Kamera Menschen unterschiedlichster Herkunft mit ihrer Forderung nach einer säkularen, von jeglicher religiöser Positionierung freien tunesischen Verfassung und Gesellschaft. Zu ihren GesprächspartnerInnen zählten Kellner und KünstlerInnen, Jugendliche am Strand und politische AktivistInnen. Sie filmte auch bei Demonstrationen und Veranstaltungen, auf denen um diese Frage gestritten wurde. Die Aufnahmen vermitteln faszinierende Einblicke, wie engagiert und kontrovers eines der zentralen Probleme bei der Demokratisierung der nordafrikanischen Gesellschaften vor Ort diskutiert wird. Für manche ist schon dies zu viel der Gedankenfreiheit im heutigen Tunesien. Nachdem sechs Islamisten wegen des Angriffs auf das Filmtheater in Tunis inhaftiert wurden, versuchten Sympathisanten zwei Tage später, das Gerichtsgebäude zu stürmen. Sie konnten nur durch den Einsatz von Tränengas daran gehindert werden, wobei es 21 weitere Verhaftungen gab.

Um die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen, wählte Nadia El Fani für ihren Film den neuen Titel Laïcité Inch’allah (frei übersetzt: „Säkularismus um Gottes Willen“). Trotzdem erhielt sie weiterhin Todesdrohungen, zum Teil verbreitet über Facebook, während sich Film- und Kulturschaffende in Tunesien in einem „Aufruf zur Verteidigung der Meinungsfreiheit“ mit ihr solidarisierten.

Das Beispiel zeigt, wie brisant politisch engagierte Filme auch im nach-revolutionären Tunesien sind und welche Risiken RegisseurInnen eingehen, die sich politisch deutlich positionieren.

Gründe genug für FilmInitiativ, Nadia El Fani nach Köln einzuladen, um mit ihr über die politische Entwicklung in Tunesien im Allgemeinen und die Auseinandersetzungen um ihren Film im Besonderen zu diskutieren. (Samstag, 8. Oktober, 19.30 Uhr Uhr)

Wir nutzen die Gelegenheit, um auch ihren Spielfilm Bedwin Hacker erstmals in Köln zu zeigen (Samstag, 8. Oktober, 21.30 Uhr, in Anwesenheit der Regisseurin). Dieser Politthriller aus Tunesien über eine Computer-Hackerin, die aus einer abgelegenen Oase politische Botschaften per Satellit in Fernsehsendungen beamt, wurde 2003 bei zahlreichen internationalen Filmfestivals vorgestellt – u.a. beim FESPACO in Ouagadougou. Der Film erweist sich rückblickend als geradezu prophetisch in Anbetracht der Bedeutung, die Internet, Facebook und Handys für die politischen Bewegungen in Nordafrika erlangt haben.

Eine immer wiederkehrende Aussage von ProtagonistInnen in aktuellen Filmen aus Nordafrika lautet, dass mit dem Sturz der Diktatoren in Tunesien und Ägypten „die Angst“ gewichen sei, gegen Ungerechtigkeiten und für eine freie Gesellschaft einzutreten. Der  tunesische Dokumentarfilm  No more fear verweist auf diese bedeutende Veränderung schon im Titel. Am Beispiel einer Menschenrechtsanwältin, eines Journalisten, einer Bloggerin und eines psychisch Kranken vermittelt  der Film eindrucksvoll, welche Befreiung es für viele TunesierInnen bedeutet, nach Jahrzehnten der Diktatur nicht länger wegen ihrer politischen Haltungen bespitzelt und verfolgt zu werden. (Freitag, 7. Oktober, 19.30 Uhr)

FilmInitiativ versucht, im Anschluss an die Vorführung die Bloggerin Lina Ben Mhenni per Skype live aus Tunesien zuzuschalten.

Zur Diskussion über die aktuellen Entwicklungen sind VertreterInnen der tunesischen Community in Köln – von „Helft Tunesien e.V.“ – eingeladen. 

Der Kurzspielfilm Yasmine et la révolution von Karin Albou, der als Vorfilm läuft,  zeigt, wie Frauen durch die Dynamik der Revolte dazu ermutigt werden, sich gegen patriarchale Bevormundung zur Wehr zu setzen.

Allerdings ist der weitere Verlauf der politischen Umwälzungen in Nordafrika noch längst nicht absehbar. Auch nach dem Sturz der Diktatoren Ben Ali und Mubarak verfügen deren Militärs und Seilschaften in Tunesien und Ägypten weiterhin über Macht und Einfluss. So wurden in Ägypten in den letzten Monaten zwar Tausende DemonstrantInnen in Schnellverfahren abgeurteilt, aber bislang (Stand Juli 2011) musste sich kein einziger Statthalter Mubaraks für politische Morde, Folterungen und Schießbefehle auf unbewaffnete DemonstrantInnen vor Gericht rechtfertigen. Als Ende Juli auf dem Tahrir-Platz erneut Tausende gegen die autoritäre Machtfülle der  Militärs und für eine wirkliche Demokratisierung der Gesellschaft eintraten, tauchten wieder organisierte Schlägerbanden auf, um die Demonstrierenden mit Knüppeln und Steinwürfen von Dächern auseinander zu treiben, wobei es Dutzende Verletzte und Tote gab.

Vor diesem Hintergrund ist es beeindruckend zu sehen, wie Filmschaffende in Ägypten cineastisch auf die 18 Tage andauernden Proteste auf dem Tahrir-Platz reagiert haben, die zum Sturz Mubaraks führten. Der Episodenfilm 18 Days illustriert dies eindrucksvoll. (Sonntag, 9. Oktober, 19.30 Uhr) Er besteht aus zehn Kurzspielfilmen, die unabhängige RegisseurInnen in Eigeninitiative und ohne Budget gedreht haben. Die Filmrolle erlebte beim Festival in Cannes im Mai 2011 ihre Weltpremiere und löste ebenfalls heftige politische Debatten aus. Denn den beteiligten Regisseuren Sherif Arafa und Marwan Hamed wurde vorgeworfen, noch 2005 Wahlspots für Mubarak gedreht zu haben. Der ägyptische Filmemacher  Khaled El Hagar, schon mehrfach bei Afrika-Filmfestivals in Köln zu Gast, hätte in Cannes lieber „seit den achtziger Jahren aktive kritische Regisseure“ und „junge Talente“ vertreten gesehen, die „bislang kein Gehör und keine Förderung“ fanden. Andere, wie Ahmad Abdalla, der im Mai 2011 zu Gast in Köln war und einen Beitrag zu der Cannes-Rolle beigesteuert hat, verteidigte die kritisierten Regisseure, indem er bezeugte, dass diese aktiv an den Protesten auf dem Tahrir-Platz teilgenommen hätten und auch bei brutalen Polizeieinsätzen nicht zurück geschreckt seien.

Die engagierten Debatten, die seit Beginn der Revolten in Tunesien und Ägypten über das aktuelle Filmschaffen geführt werden, spiegeln sich im Programm dieser Filmreihe und in der Auswahl der Gäste wider.

Eine Sonderveranstaltung mit Filmen und Podiumsdiskussion (9. Oktober, 17 Uhr) thematisiert die Folgen des Kriegs, der seit Anfang 2011 in Libyen geführt wird und der schon im ersten Halbjahr mehr als eine Millionen Menschen in die Flucht trieb, die meisten davon nach Tunesien (555.000) und Ägypten (350.000).

Diese Veranstaltung findet in Kooperation mit „Helft Tunesien e.V.“ statt, einem Verein aus der tunesischen Community Kölns, der sich u.a. um die Unterstützung der aus Libyen geflohenen Kriegsflüchtlinge kümmert. Der Verein wird während der Filmreihe im Foyer des Filmforums an einem Stand weitere Informationen und tunesisches Essen anbieten.

Wir hoffen auf reges Interesse des Kölner Publikums und der (nord)afrikanischen Communities der Stadt.

P.S. Am Sonntag, den 9. Oktober, um 11 Uhr findet im Rautenstrauch-Joest-Museum in der Literaturreihe „Stimmen Afrikas“ eine Lesung des libyschen Autors Ibrahim Al-Koni aus seinem Buch „Das Herrscherkleid“ statt. Eine Veranstaltung des Allerweltshauses in Kooperation mit der Heinrich-Barth-Gesellschaft.

 


Filme zu Repression und Rebellion in Nordafrika

Films about repression and rebellion in North Africa

Films sur la répression et la rébellion en Afrique du Nord

Filmreihe vom 10.-17. Mai 2011

Das Programmheft finden Sie hier.
The program booklet you can find here.
Le programme vous trouvez ici.





















Veranstaltungsorte / Locations / Lieux:

Allerweltskino im OFF Broadway und Filmforum NRW im Museum Ludwig

Dass Kino ein Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen ist, erweist das aktuelle Filmschaffen in Nordafrika einmal mehr. Unmittelbar vor Ausbruch der Revolten in Nordafrika fanden Ende 2010 in Tunesien und Ägypten die bedeutendsten Filmfestivals der Region statt: die „23ième Journées Cinematographiques de Carthage“ und das „34th Cairo International Film Festival“.  Dabei war in den Kinosälen die Unzufriedenheit mit den diktatorischen Verhältnissen schon vor Beginn der Proteste auf den Straßen deutlich spürbar. So spendete das Publikum demonstrativ Szenenapplaus, wenn in aktuellen Spielfilmen die Korruption der herrschenden Eliten oder die Brutalität von Polizei und Geheimdiensten angeprangert wurden. In der Reihe „Game Over“ präsentiert FilmInitiativ eine Auswahl dieser neuen Filme, ergänzt um politisch brisante Klassiker des ägyptischen und tunesischen Kinos. Darüber hinaus werden Beispiele für neue mediale Ausdrucksformen wie Cartoons, Amateurfilme, Handyfilme und Videos vorgestellt, mit denen die AktivistInnen ihre politischen Botschaften über Internet hunderttausendfach verbreiten.Vier RegisseurInnen aus Tunesien und Ägypten sind eingeladen, über die Perspektiven der Rebellion in Nordafrika zu berichten.

Schulvorstellung im Rahmen der Filmreihe

Freitag, d. 13. Mai 2011, 10.00 Uhr     
Spielfilm „Making Of – Kamikaze“ (Tunesien)




















Internationaler Museumstag
"Kiriku und die Zauberin"
am 15.05., 14.00 Uhr im Filmforum NRW im Museum Ludwig.
Eintritt frei!



Schon bei seiner Geburt kann der winzige Kiriku sprechen und laufen wie der Wind. Der intelligente und mutige Junge erfährt von seiner Mutter, dass das gesamte Dorf von einer bösen Zauberin beherrscht wird. Kurz entschlossen macht sich Kiriku auf den Weg, um das Dorf von ihrer Tyrannei zu befreien…




Zusätzliche Filmempfehlung:
4. Mai im Filmforum NRW im Museum Ludwig – ab 5. Mai in der Filmpalette.
NRW-Kinostart von Morgentau (Teza) Regie: Haile Gerima, Äthiopien/d/usa 2008, 140 min., 35 mm, oF amharisch mit dt. und frz. UT.
In Anwesenheit des Regisseurs.
Venusfilm Verleih und Kino Gesellschaft Köln in Kooperation mit FilmInitiativ Köln e.V.